Über BJJ und Trauma liest man viele persönliche Geschichten. Sie können ehrlich und berührend sein. Belege sind sie nicht.
Dieser Artikel schaut sich an, was Studien zu BJJ bei Menschen mit belastenden Erfahrungen tatsächlich untersucht haben, was sie zeigen und was nicht. Er richtet sich an alle, die darüber nachdenken, mit BJJ anzufangen, und an alle, die in Einsatzberufen arbeiten.
Vorweg: BJJ ist keine Therapie
Bevor es um Studien geht, das Wichtigste: BJJ ist keine Therapie und ersetzt weder Diagnose noch Psychotherapie noch Medikamente. Unsere Coaches unterrichten Brazilian Jiu-Jitsu. Sie sind keine Therapeutinnen oder Therapeuten, und wir bieten keine therapeutischen Programme an.
Wenn es dir nicht gut geht, sprich mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt oder mit einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten.
Was die frühen Studien untersucht haben
Drei kleine Arbeiten aus den USA haben BJJ-Training bei Menschen mit belastenden Erfahrungen begleitet. Alle drei maßen mit Fragebögen, wie stark die Teilnehmenden unter posttraumatischen Belastungssymptomen litten, vor und nach einer Trainingsphase.
| Studie | Wer teilgenommen hat | Training | Was berichtet wurde |
|---|---|---|---|
| Willing et al., 2019 (Military Medicine) | 23 Männer, aktive und ehemalige US-Soldaten mit Kampfeinsätzen und deutlichen Belastungssymptomen; 9 beendeten das Programm | 5 Monate, zweimal pro Woche je 70 Minuten | Niedrigere Werte, ausgewertet nur bei den 9, die bis zum Ende dabei waren |
| Weinberger & Burraston, 2022 (Journal of Community Engagement and Scholarship) | 32 Soldaten, Veteranen und Einsatzkräfte aus Arizona ohne BJJ-Erfahrung | Fragebögen vor dem Start und nach 20, 40 und 60 Trainingsstunden | Niedrigere Mittelwerte in allen fünf Fragebögen |
| DeWitt, 2025 (Dissertation, nicht in einer Fachzeitschrift begutachtet) | 16 Kampfveteranen mit Behinderungen | Mindestens 24 Einheiten über 3 Monate | Niedrigere Belastungswerte, höhere Werte bei Resilienz |
Auf den ersten Blick zeigen die drei Arbeiten in dieselbe Richtung. Der zweite Blick ist wichtiger.
Warum diese Studien wenig beweisen
Alle drei haben Schwächen, und sie sind erheblich:
- Keine Vergleichsgruppe. Niemand weiß, wie sich die Werte ohne BJJ entwickelt hätten. Belastungssymptome können sich auch mit der Zeit, durch andere Unterstützung oder einfach durch die Aufmerksamkeit einer Studie verändern.
- Viele haben aufgehört. Bei Willing et al. beendeten nur 9 von 23 das Programm, und ausgewertet wurden nur sie. Wie es denen ging, die aufgehört haben, weiß niemand.
- Fehlende Statistik. Weinberger und Burraston berichten nur Mittelwerte: keine statistischen Tests, keine Effektgrößen und auch nicht, wie viele Teilnehmende bei jeder Messung noch dabei waren.
- Nicht begutachtet. Die Arbeit von DeWitt ist eine Dissertation, die nicht in einer Fachzeitschrift begutachtet wurde.
- Nähe zum Angebot. Die Teilnehmenden der Dissertation kamen über eine Stiftung, die Veteranen das BJJ-Training finanziert. Bei Willing et al. gehörten die Inhaber des Gyms, in dem trainiert wurde, zu den Autoren; laut Studie hatten sie keine Rolle bei Planung, Auswertung und Text.
Auch eine Übersichtsarbeit zu BJJ bei Veteranen und Einsatzkräften ändert daran nichts (Segovia et al., 2024). Unter ihren 13 Quellen sind Online-Texte, eine Pressemitteilung zu einem Polizeiprogramm, eine Abschlussarbeit und der Blog eines Gyms. Begutachtete Studien mit Veteranen oder Einsatzkräften sind darunter genau zwei: die von Willing und die von Weinberger und Burraston.
Die einzige uns bekannte Vergleichsstudie: BJJ gegen CrossFit
Eine Studie aus Großbritannien hat zumindest einen Vergleich eingebaut (Channon et al., 2025). Veteranen und Beschäftigte von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst trainierten 60 Tage lang mindestens zweimal pro Woche, entweder BJJ oder CrossFit. Von 119 Personen, die zugesagt hatten, füllten 60 alle Fragebögen aus, 21 davon in der BJJ-Gruppe.
Das Ergebnis: In beiden Gruppen verbesserten sich die Werte zu Angst, Depression, posttraumatischen Belastungssymptomen, Schlaf und Wohlbefinden. Zwischen BJJ und CrossFit gab es keinen signifikanten Unterschied.
Was das bedeutet:
- BJJ schnitt nicht besser ab als ein anderes forderndes Gruppentraining.
- Ob die Verbesserungen vom Training kommen, bleibt offen. Eine Gruppe ohne Training gab es auch hier nicht; die Autoren haben aus ethischen Gründen bewusst darauf verzichtet.
- Die Teilnehmenden wählten selbst, ob sie BJJ oder CrossFit machten. Die BJJ-Gruppe war klein, und angeworben wurde über eine Wohltätigkeitsorganisation, die diese Trainingsprogramme finanziert.
Mehr zu dieser Studie steht in unserem Artikel BJJ oder CrossFit.
Was die Forschung insgesamt sagt
- Soweit wir wissen, ist bisher keine randomisierte Studie zu BJJ bei Traumafolgen veröffentlicht, also keine, in der der Zufall entscheidet, wer trainiert und wer nicht.
- Eine systematische Übersicht über Kampfsport und psychische Gesundheit bei Erwachsenen hat 72 Studien ausgewertet, 70 davon Momentaufnahmen und nur 2 mit Verlauf (Ciaccioni et al., 2024). Für Selbstwert und Selbstbild fand sie keine eindeutigen Zusammenhänge, für das Wohlbefinden nur begrenzte Hinweise. Es ging dort um Kampfsport allgemein, nicht um BJJ und nicht um Traumafolgen.
Was eine aussagekräftige Studie bräuchte
Damit man wirklich sagen könnte, ob BJJ bei Belastungssymptomen etwas bewirkt, bräuchte es eine Studie mit diesen Merkmalen:
- zufällige Zuteilung zu BJJ, einem anderen Training und einer Gruppe ohne Training;
- genug Teilnehmende, damit auch kleine Unterschiede sichtbar werden;
- eine Diagnose durch Fachleute zu Beginn, nicht nur Fragebögen;
- eine Nachbeobachtung über Monate, um zu sehen, ob Effekte bleiben;
- Forschende ohne Verbindung zu einem BJJ-Programm.
Eine solche Studie kennen wir bisher nicht. Bis es sie gibt, bleibt die Frage offen.
Kurz: Die frühen Studien sind ein Grund, die Frage ernsthaft zu untersuchen. Sie sind kein Grund, BJJ als Hilfe bei Traumafolgen zu empfehlen. Mehr zur Forschung über BJJ insgesamt steht in unserem Forschungsüberblick.
Wenn du mit belastenden Erfahrungen anfangen möchtest
Menschen mit belastenden Erfahrungen sind bei uns willkommen, wie alle anderen auch. Ein paar Dinge solltest du vorher wissen:
- Sprich mit den Menschen, die dich behandeln. Wenn du in Behandlung bist, klär vorher, ob das Training gerade passt.
- BJJ bedeutet engen Körperkontakt. Unten liegen, Gewicht auf Brust und Bauch, Griffe von hinten, Würgegriffe: Das kann unangenehm sein oder Erinnerungen wecken. Das ist keine Schwäche, aber gut zu wissen. Würgegriffe gehören bei uns schon zur ersten Stunde, in kontrollierter Form.
- Abklopfen beendet jede Technik. Abklopfen lernst du am ersten Abend, und wer abklopft, wird sofort losgelassen, ohne Ausnahme. Sagt jemand „Stopp“, „Langsamer“ oder „Nicht da“, hört der Partner sofort auf.
- Pausen und Positionen. In unserem Verhaltenskodex steht: „Wenn sich etwas in deinem Körper falsch anfühlt, hör auf. Sag dem Trainer Bescheid. Setz dich raus, wenn nötig.“ Außerdem gilt bei uns: Du kannst eine Runde aussetzen oder einen Partner ablehnen, ohne dich zu erklären. Wenn es Positionen gibt, die du lieber meidest, sag es dem Coach. Einen Grund musst du auch dafür nicht nennen.
- Deine Geschichte musst du niemandem erzählen. Wenn du vorher etwas fragen möchtest, kannst du uns schreiben oder den Coach vor der Stunde ansprechen.
Was wir dir bieten können und was nicht
Wir haben Imperial Ground als einen Ort gebaut, an dem sich alle sicher und willkommen fühlen und an dem du respektiert wirst, auf der Matte und daneben. Für dich heißt das:
- Kontrolle vor Intensität. In unseren Foundation-Kursen rollst du unter den Augen eines Coaches, und jeder passt die Intensität an seinen Partner an.
- Klare Regeln mit Folgen. Wir haben einen schriftlichen Verhaltenskodex und ein veröffentlichtes Sanktionssystem. Belästigung, Einschüchterung und ungewünschter Körperkontakt außerhalb trainierter Technik haben bei uns keinen Platz.
- Drei Wege, etwas anzusprechen. Persönlich bei João oder einem Coach, per E-Mail oder anonym über Speak Up in deinem Mitgliedskonto.
Was wir dir nicht bieten können: eine Behandlung, eine Diagnose oder das Versprechen, dass es dir danach besser geht.
Ehrlich gesagt: Was die Studien nicht zeigen
- Keine der frühen Studien hatte eine Gruppe ohne Training, und auch die Vergleichsstudie nicht.
- Die Gruppen sind klein, und in der Studie von Willing et al. hat die Mehrheit vorzeitig aufgehört.
- Die einzige uns bekannte Vergleichsstudie fand keinen signifikanten Unterschied zwischen BJJ und CrossFit.
- Alle Studien betreffen Soldaten, Veteranen und Einsatzkräfte in den USA und in Großbritannien. Über andere Menschen sagen sie nichts aus.
- Ob BJJ bei Traumafolgen hilft, ist nicht belegt. Wir empfehlen es dafür nicht.
Häufige Fragen
Hilft BJJ bei einer posttraumatischen Belastungsstörung?
Das ist nicht belegt. Kleine Studien ohne Vergleichsgruppe berichten von niedrigeren Werten in Fragebögen, die einzige uns bekannte Vergleichsstudie fand keinen signifikanten Unterschied zu CrossFit. BJJ ist keine Behandlung und ersetzt keine.
Kann ich mit belastenden Erfahrungen bei euch trainieren?
Ja, du bist willkommen. Wenn du in Behandlung bist, klär vorher mit den Menschen, die dich behandeln, ob das Training gerade passt. Deine Geschichte musst du niemandem erzählen.
Ist BJJ gegen Stress besser als anderer Sport?
Das zeigt die Forschung nicht. In der einzigen uns bekannten Vergleichsstudie gab es keinen signifikanten Unterschied zu CrossFit, und ob das Training selbst die Ursache der Verbesserungen war, ist offen.
Gibt es Studien zu BJJ bei Einsatzkräften?
Nur wenige und kleine. Keine hatte eine Gruppe ohne Training. Die einzige uns bekannte Vergleichsstudie, mit Veteranen und Einsatzkräften aus Großbritannien, fand keinen signifikanten Unterschied zwischen BJJ und CrossFit.
Was ist, wenn mich eine Position im Training stark belastet?
Klopf ab: Wer abklopft, wird sofort losgelassen, ohne Ausnahme. Du kannst eine Runde aussetzen oder einen Partner ablehnen, ohne dich zu erklären. Wenn es Positionen gibt, die du lieber meidest, sag es dem Coach. Einen Grund musst du auch dafür nicht nennen.
Bietet ihr spezielle Programme für Veteranen oder Einsatzkräfte an?
Nein. Wir bieten BJJ-Training in unseren regulären Kursen an, keine therapeutischen Programme.
Quellen
- Willing AE, Girling SA, Deichert R, Wood-Deichert R, Gonzalez J, Hernandez D, Foran E, Sanberg PR, Kip KE. Brazilian Jiu Jitsu Training for US Service Members and Veterans with Symptoms of PTSD. Military Medicine 2019;184(11–12):e626–e631. https://doi.org/10.1093/milmed/usz074
- Weinberger K, Burraston T. Benefits of Brazilian Jiu-Jitsu in Managing Post-Traumatic Stress Disorder: A Longitudinal Study. Journal of Community Engagement and Scholarship 2022;13(4):1–9 (issue dated 2021, published 29 July 2022). https://doi.org/10.54656/MSFA1684
- DeWitt K. The impact of regular participation in jiu-jitsu on posttraumatic stress symptoms, posttraumatic growth, and resilience in disabled combat Veterans. Dissertation, 2025. ProQuest Dissertations & Theses, PQDT 160148380 (nicht in einer Fachzeitschrift begutachtet / not peer-reviewed in a journal). Abstract: https://www.centreforevidence.org/article/20251001-the-impact-of-regular-participation-in-jiu-jitsu-on-posttraumatic-stress-symptoms-posttraumatic-growth-and-resilience-in-disabled-combat-veterans
- Channon A, Morgan J, Huber J, Higbed L. Comparing Mental Health Outcomes of Brazilian Jiu-Jitsu and CrossFit Training among Trauma-Exposed Professionals: Findings of a Mixed-Methods Study. Martial Arts Studies 2025;(18):94–109. https://doi.org/10.18573/mas.299
- Segovia RO, Buelna A, Sunderman B. An examination of studies related to Brazilian jiu-jitsu in enhancing mental and physical health among veterans and first responders: A scoping review. The Sport Journal 2024. https://thesportjournal.org/article/an-examination-of-studies-related-to-brazilian-jiu-jitsu-in-enhancing-mental-and-physical-health-among-veterans-and-first-responders-a-scoping-review/
- Ciaccioni S, Castro O, Bahrami F, Tomporowski PD, Capranica L, Biddle SJH, Vergeer I, Pesce C. Martial arts, combat sports, and mental health in adults: A systematic review. Psychology of Sport and Exercise 2024;70:102556. https://doi.org/10.1016/j.psychsport.2023.102556
Über den Autor. João Macedo ist Schwarzgurt 1. Grad im Brazilian Jiu-Jitsu, steht seit über 14 Jahren auf der Matte und ist Mitgründer und Headcoach von Imperial Ground Martial Arts in Düsseldorf-Derendorf.
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